Am 06.06.2006 wurde das Literaturmuseum der Moderne (LiMo) in Marbach eröffnet. An dieser Stelle beschreiben verschiedene Autorinnen und Autoren Exponate, die in der Dauerausstellung zu sehen sind oder sich in den Beständen des Deutschen Literaturarchivs Marbach befinden.
März 2010: Justinus Kerner
Im Blickpunkt: Das Exponat des Monats
Der Arzt, Dichter und medizinische Schriftsteller Justinus Kerner (1786-1862) widmete sich in seinen späten Jahren einer ganz eigentümlichen Tätigkeit: Seit Beginn der 1840er Jahre hat er zusammen mit seinem Sohn Theobald an einem Bilderatlas gearbeitet, der alleine schon aufgrund der Variationsbreite und der spezifischen Kombination des Bildmaterials auffällig ist. Auf über 160 Seiten sind in diesem Klebealbum Lithografien, Kupferstiche, Grußkarten, Aquarelle, Zeichnungen und vieles andere mehr mit den unterschiedlichsten Motiven versammelt und in überraschende, manchmal befremdende Konstellationen gebracht. So sind beispielsweise Abbildungen von historischen Persönlichkeiten mit phantastischen Landkarten kombiniert, aber auch Darstellungen von mythischen Szenen mit Bildern von Zeitgenossen Kerners zusammengeklebt und collagiert.
Die oben abgebildete Albumseite zeigt exemplarisch, wie Kerner im Klebealbum die Variationen seiner bildlichen Weltdeutung zusammengesetzt hat: Im Mittelpunkt steht hier ein Stich des Nachtmahrs von Johann Heinrich Füssli, einem Gemälde aus dem Jahre 1781, das zu Kerners Zeit eines der berühmtesten Bilder war. Gezeigt werden eine schöne Schläferin und ihre Traumvision - ein Nachtmahr, der auf ihr sitzt. Dieses Bild ist umrandet von verschiedenen so genannten ›Klecksografien‹, die zum Teil mit Federstrichen weitergezeichnet wurden und mit Namens- oder anderen Textzusätzen versehen sind. Bei den ›Klecksografien‹ handelt es sich allgemein um von Justinus Kerner eigens hergestellte Bilder, die Figuren und Muster aus Farbklecksen zeigen, die allesamt eine achsialsymmetrische Grundstruktur aufweisen. Charakteristische Muster dieser Art entstehen, wenn Farbe auf Papier aufgebracht wird, dieses Papier gefaltet wird und die Farbe sich schließlich entlang der Faltlinie auf dem Papier verteilt. Dass die Klecksografien heute vielen bekannt sind, geht allerdings nicht auf Kerners Klebearbeit zurück, sondern auf die Studien des schweizerischen Psychologen Hermann Rorschach (1884-1922), der auf Grundlage dieser Bilder schließlich ein psychodiagnostisches Testverfahren entwickelte (vgl. Rorschach-Test).
Ausnehmend merkwürdig wirkt Kerners Albumblatt, sobald sich der Blick des Betrachters vom lasziv ausgestreckten Frauenkörper auf die klecksografierten Skelette richtet, die Füsslis Nachtmahr oben und unten umrahmen. Augenblicklich wird durch diesen Kontrast der Motive, durch diesen Bruch, die Verletzlichkeit der makellos Schönen deutlich. Blitzhaft ist hier die Vergänglichkeit gegenwärtig gemacht. Fortgesetzt ist das Motiv der Vergänglichkeit bzw. das Wandlungsmotiv in weiteren umliegenden Figuren, die allesamt bekannte Schriftstellerinnen aus Kerners Zeit karikieren. Und schließlich zeigt der klecksografierte Schmetterling in der linken oberen Ecke der Seite eine ganz eigene kleine Verwandlungsszene, die mit folgenden Zeilen beschriftet ist: »Aus Dintenfleken ganz gering / Entstand der schöne Schmetterling. / Zu solcher Wandlung ich empfehle / Gott meine fleckenvolle Seele.«
Kerner hat hier den Betrachtern seines Albums ermöglicht, die Abbildungen über ihre Ränder hinaus zu deuten oder auch ›von den Rändern her zu lesen‹. Es sind die Zwischenräume und die spezifischen Konstellationen, die hier die Bilder in einer besonderen Art zum Sprechen bringen. Dabei gibt es weder eine richtige noch eine falsche Lesart, vielmehr wird dem Betrachter eine offene Auswahlmöglichkeit in der Deutung des Dargestellten gegeben. Ob die Abbildungen historisch betrachtet werden oder aber als ihrer Zeitlichkeit enthoben - zum Staunen bringen sie uns heute allemal. In der aktuellen Wechselausstellung »Randzeichen« im Literaturmuseum der Moderne sind zurzeit 50 Blatt dieses kuriosen Fundstücks aus dem Deutschen Literaturarchiv zu sehen. Aber auch andere »Randzeichen« können betrachtet werden, wie beispielsweise Kritzeleien, die Dichter beim Schreiben auf dem Manuskript hinterlassen haben oder auch »Randzeichnungen«, die der Büchner-Preisträger Martin Mosebach neben seiner Schreibarbeit hat entstehen lassen.
