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Marbacher Exponate


Am 6.6.2006 wurde das Literaturmuseum der Moderne eröffnet, das die Bestände des Deutschen Literaturarchivs zum 20. und 21. Jahrhundert zeigt. Seit dem 10.11.2009 präsentiert das Schiller-Nationalmuseum die Schätze des Archivs mit einer neuen Dauerausstellung zu Friedrich Schiller und der Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts. Monat für Monat werden an dieser Stelle Exponate aus beiden Museen vorgestellt. Die Fülle, die Verschiedenheit, aber auch die einzelnen Details der ausgestellten Bestände des Deutschen Literaturarchivs werden damit sichtbar gemacht.





August 2010: Die »Nordlicht-Notiz« von Alexander von Humboldt

Im Blickpunkt: Das Exponat des Monats


Kosmos. Entwurf einer physischen Weltbeschreibung. Unter diesem Titel erscheint ab 1845 Alexander von Humboldts fünfbändige Darstellung der empirischen Natur als einmalige, zusammenhängende Beschreibung der physischen Welt in ihrer Gesamtheit. Eine unmittelbare Grundlage für dieses Werk stellen die Manuskripte der Kosmos-Vorlesungen dar, die Humboldt in den Jahren 1827/28 in Berlin hielt und welchen eine große Beachtung zuteil wurde. Statt jedoch die Vorträge zeitnah zu publizieren, beginnt Humboldt erst 15 Jahre später, inzwischen über 60 Jahre alt, mit der Ausarbeitung der Manuskripte. Bis an sein Lebensende hat der Forscher am Kosmos gearbeitet, den fünften Band konnte er nicht mehr vollenden. Das Besondere an diesem letzten Werk, das als Summe eines ganzen Forscherlebens gilt, ist der epistemologische Anspruch: Es geht Humboldt weder darum, eine »Enzyklopädie der Naturwissenschaften« zu erstellen, noch um die Bildung einer geschlossenen Theorie, die das Zusammenspiel sämtlicher Naturphänomene rational und abschließend erklärt. Im Mittelpunkt steht eine »denkende Betrachtung der durch die Empirie gegebenen Erscheinungen, als eines Naturganzen«, wie es in der »Vorrede« zum ersten Band heißt. Dieses »denkende Betrachten« ist ein Prozess, der nie abgeschlossen werden kann. Gleichzeitig ist es jedoch möglich, konkrete physische Ursachen für Naturerscheinungen festzumachen. Eine Gedankenskizze Humboldts zum »Nordlicht« gibt einen Eindruck davon, wie die diskursiven Suchbewegungen des Forschers verliefen.

Auf einem Notizzettel, entstanden nach 1845, hat Humboldt verschiedene Annahmen zur Entstehung des Polarlichts zusammengetragen. Auf der linken Seite ist die Hypothese des schottischen Physikers Sir David Brewster skizziert, die im November 1845 im North British Review im Zusammenhang einer Rezension des Kosmos veröffentlicht wurde. Brewster nennt darin (elektro-)magnetische Strömungen als Ursache für das Polarlicht. Diese Strömungen würden durch den extremen Temperaturunterschied zwischen der Polarkälte und der Hitze in der Äquatorregion als ein »thermometic apparatus« eine Spannung aufbauen, die sich schließlich in der Leuchterscheinung entlade: »as magnet[ic] currents are produce[d] by changes of temp[erature] our earth scorched at the equat[or] and frozen at i[t]s poles of max. cold hat been regarded as a great thermometic apparatus and all the phaen[omena] of terrestr[ial] magnet[ism] luminous an[d] mechanical are consequences [of this condition]«. Rechts neben dieser Brewster’schen Hypothese notiert Humboldt die Beobachtung des skandinavischen Forschers Paul von Lowenorn: »bei hellem Sonnenschein gesehen von Lowenorn 29 Jan 1786 mälich aufschossende Stralen Höhen Angaben vari[i]eren von 3000 feet - 389 engl. miles«. Schließlich folgt noch ein Zitat aus der Antrittsvorlesung von Prof. Potter am University College, gehalten im Oktober 1845, das zur Höhe des Leuchtens folgenden Wert angibt: »40-50 miles jenseits unserer athm. by a gaseous matter? Athenaeum 18 Oct. 1845«.

Diese Zusammenstellung zum Polarlicht ist Notiz geblieben und nicht in die späteren Bände des Kosmos aufgenommen worden. Der erste Band behandelt das Phänomen zwar – und auch bereits in seinen Berliner Kosmos-Vorlesungen hatte Humboldt die Vermutung vorgetragen, dass die Leuchterscheinung am polaren Himmel mit geophysischen Beziehungen zwischen Elektrizität und Magnetismus zusammenhängen könnte – gleichzeitig ist darin jedoch deutlich gemacht, dass sich die tatsächlichen Ursachen des geheimnisvollen Leuchtens bisher noch im Bereich des Spekulativen befinden. Humboldt beobachtet aber weiter, hält Wertangaben zur Höhe des tellurischen Lichts fest, um die damals heftig gestritten wurde und stellt verschiedene Angaben gegenüber. Auch wenn die Notiz fallen gelassen wurde, dokumentiert sie fragmentarisch die Suchbewegung eines Entdeckergeists und ist prozessualer Bestandteil im Erforschen der »Ursprünge«.

Das Suchen nach rationalen Erklärungen für den Ursprung der Dinge ist programmatisch für das Erkenntnisstreben der Wissenschaft zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Die Dauerausstellung des Schiller-Nationalmuseums hat diesem Thema einen ganzen Raum gewidmet. Dieser zeigt kaleidoskopisch die Vielfalt einer Wissenschaftskultur, die noch keine Trennung kennt in »Two Cultures« (C. P. Snow), in ausdifferenzierte Geistes- und Naturwissenschaften. Neben Alexander von Humboldts »Nordlicht-Notiz« ist darin noch eines seiner »Reisebilder« zu sehen, das einen Querschnitt durch die Anden zeigt, in dem die gefundenen Pflanzen nach Höhenmetern eingetragen sind; aber auch eine Reflektion Friedrich Schlegels zum Ursprung des Wortes ›deutsch‹ kann studiert werden oder ein erster Sprachstammbaum, entworfen von August Schleicher unter dem Einfluss von Darwins Evolutionstheorie.